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Ökonomische Verwertung von Biogas in Etappen

Strom aus Biomasse heute – Wärme für Trocknungsanlage und Entgelt für Regelenergie morgen

Geld, viel Geduld, Überzeugungsarbeit und Anpassungsfähigkeit braucht es, bis eine Biogasanlage und ein Blockheizkraftwerk steht. Die Anlage der Biogaz de la Baroche Sarl wurde im Oktober 2020 in Betrieb genommen und gehört zu den grössten im Kanton Jura.

Biogaz de la Baroche Sarl., La Baroche (JU)

WKK im Jura – eine Projektgeschichte

Wer im Kanton Jura unterwegs ist, fährt über viel grünes Weideland und Wälder. Die Siedlungen sind ländlich und in ihrer Grösse überschaubar. Doch die landwirtschaftlichen Betriebe hier können über das schweizerische Mittelmass gross sein, so wie dasjenige des Milchproduktions-, Mastrinder- und Schweinehaltungsbetriebs von Jean-Pierre Cattin in der Gemeinde La Baroche.

Unweit der Stallungen dominieren zwei grosse Gasbehälter den Hof. Deren abgerundete Form in grüner Farbe erinnern an fliegende Untertassen, die eben gerade gelandet sind. Diese bestehen aus ähnlichem Material wie die Abdeckplanen für Lastwagen, nur dass diese für einen grossdimensionierten Behälter erheblich strapazierfähiger sein müssen, um dem Gasdruck standzuhalten. Durch ein Bullauge ist die Suppe aus Jauche und festem Mist vage zu erkennen, die durch einen mechanischen Rührstab ständig bewegt wird.

Auch Ricola ist da

Auf dem asphaltierten Vorplatz warten grosse Haufen an weissem Maisstaub auf die Beschickung in die Biogasanlage. Weiter auf dem Rundgang durch die Anlage entdeckt man eine Unmenge an Ricola-Zeltli, offenbar Produktionsausschuss aus der Bonbonfabrik in Laufen; Material, das sich samt biologisch abbaubarem Schutzpapier für eine Fermentierung eignet.

Neben der Einstellhalle für landwirtschaftliche Fahrzeuge entweicht aus einem Seefrachtcontainer Motorenlärm. Darin ist das Blockheizkraftwerk (BHKW) installiert worden. André Deroulers, Gesellschafter und Geschäftsführer der 2019 gegründeten Biogaz de La Baroche Sàrl ist sichtlich zufrieden mit dessen Zuverlässigkeit: «Das BHKW ist 13 Monate in Betrieb und wir hatten nur einmal eine Panne mit dem Gasverdichter. Die Anlage läuft an 7000 Betriebsstunden an 360 Tagen.»

André Deroulers, von Beruf Agrartreuhänder, ist Mitglied bei Oekostrom Schweiz, dem Biogas-Fachverband. Seine Mission – nebst dem Tagesgeschäft – sind die Erneuerbaren Energien. Sein Ärger sind die langwierigen Verfahren, die mit der Realisierung von der ersten Projektidee bis zum Betriebsstart einer vollwertigen Biogasanlage samt Wärme-Kraft-Kopplung verbunden sind.

Zeit und Geduld sind gefragt

Blick zurück: 2012 taten sich drei Landwirte der Region zusammen. Man diskutierte das Erstellen von Photovoltaik-Anlagen auf ihren Dächern, dass man als wenig rentabel beurteilte, ebenso das Erstellen einer Biogasanlage. Jean-Pierre Cattin und seine Berufskollegen liessen ein Vorprojekt erstellen und kamen schnell zum Punkt: «Zu kompliziert, wir können uns damit nicht beschäftigen.» Deroulers kannte seine Kunden, gab nicht auf und brachte Cattin so weit, ihn als Co-Investor zu gewinnen. «Ja. Aber Du musst das Projekt vorantreiben», war die Bedingung seines Gegenübers. Baubewilligungsanträge, Projektstudien, Nachhaltigkeitsprüfungen folgten. Auch juristische Kenntnisse sind von Vorteil: Denn das bäuerliche Bodenrecht wirkt einschränkend auf Investoren ausserhalb der Landwirtschaft ein, wenn solche sich an Energieprojekten eines Bauernhofs beteiligen wollen.

Vom Zeitpunkt der Baubewilligung Ende Oktober 2016 bis zur Zusage des Netzbetreibers Swissgrid im Juli 2019, elektrischen Strom einzuspeisen musste eine lange Übergangszeit erdauert werden. Ohne Zusage keine Darlehen vom Bund und keine Bankkredite. Dann – wie so oft bei grösseren Projekten – ändern die Rahmenbedingungen, die einen Einfluss auf die Rentabilität der Investition haben. Mit der Änderung der Energieförderverordnung (EnFV) des Bundes war ab Januar 2019 bei der Einspeisevergütung der Wärmebonus in der Höhe von 2,5 Rp. pro kWh Strom hinfällig geworden. Dieser durfte geltend gemacht werden, wenn mehr als 20% der aus der Biomasse erzeugten Wärme für externe Zwecke genutzt wurde, sei es für die Trocknung für Holz, Getreide, Stroh, für Prozesswärme in Käsereien oder für die Einspeisung in ein Nahwärmenetz via Wärmetauscher.

Zuerst Strom, dann Wärme

«Aktuell ist der Verkauf der Elektrizität unser einziges Einkommen», sagt Deroulers. Für die Vermarktung des Stroms ist das Biogas-Unternehmen selbst verantwortlich, erhält aber von der Förderstelle des Bundes die Differenz zwischen dem Einspeisevergütungssatz und dem Referenz-Marktpreis.

Die ökonomische Verwertung der Wärme bleibt aber ein Thema. Vor Jahren liess die benachbarte Thermoréseau-Porrentruy SA eine Studie für einen Fernwärmeanschluss eines nicht weit entfernten Industrieareals durchführen. Das Konzept: Im Sommer hätte das BHKW über eine 1 km-Leitung den ganzjährigen Wärmebedarf gedeckt, während im Winter eine Holzschnitzelheizung aktiv geworden wäre. Aus Kostengründen verlief das Vorhaben im Sand.

Geplant ist eine Trocknungsanlage für das Trocknen von Heu, Weizen, Mais, eine Dienstleistung für benachbarte Landwirte; ebenso können Holzschnitzel getrocknet werden; ein Prozess, welche der oben erwähnte Fernwärme-Betreiber Thermoréseau gerne in Anspruch nimmt, da das Netz im nahen Städtchen Porrentruy beständig wächst.

Ohne Kooperation geht nichts

Auch zur Projektgeschichte der Trocknungsanlage weiss Pierre Deroulers von vielen unerwarteten Hürden und Wendungen zu berichten. Von der ursprünglichen Idee, dass mehrere Landwirte als Kollektiv investieren, sei man abgekommen, da alle zu errichtenden Gebäude und Kapitalanlagen auf dem Hof dem einzelnen Bauernbetrieb zuzuordnen seien. Der Lösungsansatz: Man will zehnjährige Mietverträge für einzelne Zellen des Ofens an externe Interessenten abschliessen; eine Garantie für das Erlangen der notwendigen Bankkredite. 

Ohne Zusammenarbeit mit den Nachbarn geht gar nichts bei einer Biogasanlage, die auf grosse Mengen dimensioniert ist. Bis zu sieben Landwirtschaftsbetriebe deponieren regelmässig Mist auf dem Vorplatz; vier weitere tun es sporadisch. Die Betreibergesellschaft schaffte zudem einen Tankwagen an, der gegen eine Transportgebühr Jauche heranführt. «Wir sind hier in einer Milchproduktionsgegend. Für die Landwirte hat es Vorteile, wenn sie den Mist abliefern und bei sich zuhause Lagerprobleme vermeiden können.»

Grundsätzlich sei es sinnvoll, wenn nährstoffreiche Materialien im Kreislauf der Landwirtschaft bleiben. Denn die Gärrückstände aus einer Biogasanlage gelten als hochwertiger Dünger. Ausserdem würden Abwasserreinigungsanlagen vom übermässigen Eintrag von Biomasse entlastet.

Weitere Projekte zur Verbesserung der Ertragslage sind im Gange: Über Flecopower, der Stromvermarktungsgesellschaft von Oekostrom Schweiz, will man sich einem Pool für Regelenergie anschliessen. «Der Entgelt dafür war lange sehr tief, fast symbolisch. Doch es zeichnet sich ab, dass sich dies mit den zunehmenden Energieversorgungsproblemen rasch ändern wird», gibt sich der umtriebige Unternehmer überzeugt.

Wärme-Kraft-Kopplung der Biogaz de la Baroche Sarl in Zahlen

 Installierte Leistung BHkW th                       742         kW

Installierte Leistung BHKW el                        732         kW

 Stromerzeugung im Jahre 2020                 441  MWh
                                                                   (1’121 Betriebs-Std., Inbetriebn. Okt 2020)

Stromerzeugung im Jahre 2021                 4’161 MWh
                                                                    (7’537 Betriebsstunden)

Weitere Informationen:

Ökostrom Schweiz
Bureau Suisse Romande
Pierre Deroulers
Rue de la Jeunesse 1, 2800 Delémont
pierre.deroulers@oekostromschweiz.ch
p.deroulers@hotmail.com

André Deroulers: «Das BHKW ist seit 1 1/2 Jahren in Betrieb. Wir hatten nur ein einziges Mal eine Panne mit dem Gasverdichter.»
Pierre Deroulers: «Wir sind hier in einer Milchproduktionsgegend. Für die Landwirte hat die Biogasanlage nur Vorteile, da sie so Lagerprobleme auf ihren Höfen vermeiden können.»
Durch ein Bullauge ist die Suppe aus Jauche und festem Mist vage zu erkennen, die durch einen mechanischen Rührstab ständig bewegt wird.
Der Produktionsausschuss aus der Ricola-Fabrik in Laufen landet als verwertbare Biomasse ebenfalls im Fermenter.
Auch Maisstaub enthält noch genügend Energie, um damit die Biogasanlage zu beschicken.
In der Lagerhalle stehen zwei mit Milchpermeat gefüllte Tanks.
Auf dem Gelände liegen bereits flexible Rohre aus Kunststoff bereit. Diese werden künftig das BHKW mit der Futtertrocknungsanlage verbinden.

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