15. Juni 2026

2,3 Milliarden für Reservekraft – oder 200 Millionen für mehr Winterstrom?

Der Bundesrat will die Versorgungssicherheit stärken und beantragt dem Parlament für fünf neue Reservekraftwerke einen Kredit von rund 2,3 Milliarden Franken. Die Anlagen sollen ab etwa 2030 während 15 Jahren als Absicherung gegen mögliche Strommangellagen zur Verfügung stehen.

Reservekraftwerke sind eine Versicherung. Sie stehen bereit für den Notfall und sollen möglichst nie eingesetzt werden. Genau darin liegt jedoch das Problem: Die Schweiz investiert Milliarden in Anlagen, die im Idealfall während Jahren keinen Strom produzieren. Gleichzeitig existiert eine Alternative, die ebenfalls zur Versorgungssicherheit beiträgt, aber zusätzlich Winterstrom erzeugt: Wärme-Kraft-Kopplungs-Anlagen (WKK).

2 TWh mehr Winterstrom mit WKK

WKK-Anlagen produzieren Strom und Wärme gleichzeitig. Sie laufen genau dann, wenn im Winter Wärme benötigt wird – also genau dann, wenn auch die Stromversorgung besonders angespannt ist. Allein durch den schrittweisen Ersatz fossiler Spitzenlastkessel in bestehenden Wärmenetzen könnten innerhalb weniger Jahre rund 300 MW zusätzliche WKK-Leistung installiert werden. Diese Anlagen würden nicht einfach auf einen Notfall warten, sondern jährlich rund 2 TWh Winterstrom produzieren. Das entspricht ungefähr einem Fünftel der heutigen Winterstromimporte der Schweiz.

Mit Investitionen von geschätzt 200 bis 300 Millionen Franken könnte so ein erheblicher Beitrag zur Versorgungssicherheit geleistet werden – bei gleichzeitig höherer Energieeffizienz und tieferem Brennstoffverbrauch. Während Reservekraftwerke oder Gasturbinen lediglich Strom produzieren, nutzen WKK-Anlagen die eingesetzte Energie doppelt: für Strom und Wärme. Dadurch erreichen sie Gesamtwirkungsgrade von über 90 Prozent. Moderne Gasturbinen oder Reservekraftwerke liegen dagegen deutlich tiefer. Die Folge: Für dieselbe Energiemenge wird wesentlich weniger Primärenergie benötigt.
Vergleich Reservekraft

Mangellage kann Schaden von bis zu 84 Milliarden Franken verursachen

Der Bundesrat begründet die milliardenschwere Investition mit den potenziell enormen Kosten einer Strommangellage. Dieses Argument ist berechtigt. Risikoanalysen des Bundes gehen von Schäden von bis zu 84 Milliarden Franken bei einer schweren Mangellage aus. Umso wichtiger ist jedoch die Frage, wie jeder investierte Franken möglichst viel Versorgungssicherheit schafft.

Reservekraftwerke reduzieren die Folgen einer Mangellage. WKK-Anlagen reduzieren dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mangellage überhaupt eintritt. Sie liefern zusätzlichen Winterstrom, entlasten Importe, erhöhen die Resilienz des Energiesystems und können bei Bedarf ebenfalls als Reservekapazität dienen. Versorgungssicherheit braucht beides

Mehr in mehr Winterstrom investieren

Wenn jedoch über 2 Milliarden Franken für über 500 MW Reserveleistung bereitgestellt werden sollen, während sich für einen Bruchteil dieser Summe rund 300 MW produktive WKK-Kapazität realisieren liessen, stellt sich eine berechtigte Frage: Soll die Schweiz primär in Anlagen investieren, die hoffentlich nie laufen – oder in Anlagen, die jeden Winter einen konkreten Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten? Eine zukunftsgerichtete Energiepolitik sollte beides ermöglichen. Heute fliesst der Fokus jedoch fast ausschliesslich in Reservestrom – und viel zu wenig in zusätzlichen Winterstrom.